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Muksmäuschenschlau...

Yiğit Muk mit Lars Wandke:
„Muksmäuschenschlau. Wie ich als Hauptschulproll ein Abi mit 1+ hinlegte“
Köln 2015 (Bastei Lübbe)
252 Seiten
€ 9,99

Aus der Sicht eines Lehrers: Mehr nicht, Babo?

Ein Heißluftballon wird von einer Wolke verschluckt. Das GPS-Signal ist natürlich ausgerechnet jetzt gestört, Mobiltelefonempfang gibt es selbstverständlich gerade auch nicht. Als der Ballon nach geraumer Zeit dem dichten Gewölk entkommt, hat seine Besatzung die Orientierung verloren und blickt von oben auf eine unbekannte Landschaft ohne besondere Merkmale. Da taucht unten ein einsamer Spaziergänger auf. Aus der Gondel des Ballons wird er angerufen: „Sagen Sie uns doch bitte, wo wir uns hier befinden!“ Der Spaziergänger bricht in hektische Aktivität aus: Zieht ein Notizbuch aus der Tasche, fängt an zu kritzeln, durchzustreichen, wieder zu kritzeln. Der Ballon schwebt langsam weiter dahin, entfernt sich bereits, während der Befragte immer noch in seine Bemühungen vertieft ist. Schließlich – der Ballon ist schon fast außer Hörweite geraten – ruft der Spaziergänger hinterher: „Sie befinden sich in einem Heißluftballon!“.
Ähnlich ergeht es einem als Lehrperson bei der Lektüre dieses Buchs: Was man umständlich aus ihm erfährt, ist zwar zweifellos vollkommen richtig, aber man wusste es – entweder aus der eigenen Berufserfahrung oder aus Medienberichten – auch schon vorher, und praktisch gesehen bleibt es ohne verwertbaren Nutzen.

Nur gratulieren kann man dem Autor – 1988 im berüchtigten Berliner Brennpunktviertel Neukölln geboren – dazu, einer sich bereits deutlich abzeichnenden Karriere als Straßenkrimineller knapp entgangen zu sein, indem er seine wenig geradlinige Bildungsbiographie erfolgreich umgebogen hat. All dies wird konventionell-anekdotenhaft (wenn auch manchmal etwas langatmig) erzählt, jedoch ohne dabei neue Einsichten zu bringen:
Die Machtlosigkeit von Eltern und Lehrer(innen) gegen hartnäckig renitente und bildungsunwillige Jugendliche; die Misere von mit dieser Klientel überfüllten und von der Politik viel zu oft im Stich gelassenen „Brennpunkt-Schulen“; die anonyme Großstadt-Tristesse wenig kindgerechter Lebensverhältnisse in einschlägigen Milieus und Vierteln… All das ist sattsam bekannt. Ebensowenig überrascht, wenn geschildert wird, dass die gewohnheitsmäßige Anwendung brutaler körperlicher Gewalt von den Protagonisten als Selbstermächtigung erlebt wird angesichts einer Gesellschaft, von der sie sich depraviert fühlen – Devianz und Delinquenz als die am leichtesten verfügbaren identitätsstiftenden und strukturbildenden Elemente in einem Umfeld gefühlter Anomie. Leider geschieht das oft in einem unerträglich großspurigen, ja angeberischen Tonfall. Nebenbei bemerkt: Jenes (wenn auch nicht ganz unberechtigte) Sentiment der Depraviertheit steht in auffälligem Gegensatz dazu, dass – hält man sich rein an die Schilderungen des Buchs – Yiğit Muk andere im Zuge all dessen deutlich schwerer geschädigt hat, als er selbst jemals durch andere geschädigt wurde.

Als Lehrkraft wartet man natürlich darauf, von jemandem, der dieses Leben erfolgreich hinter sich gelassen hat, zu erfahren, was man denn nun in der Lehrer(innen)rolle tun kann, um solche verrohenden, charakterlich unreifen, gewaltaffinen Schülerinnen und Schüler zu einem ähnlichen Sinneswandel zu verhelfen; möchte man doch erfahren, wie man diese Schüler(innen), an die man ja üblicherweise als Lehrer(in) gar nicht mehr herankommt, überhaupt noch erfolgversprechend pädagogisch beeinflussen kann. Antworten bleibt Yiğit Muk hier leider schuldig, verharrt in der Beschreibung seines außergewöhnlichen Einzelfalls. Auch als es zur Schilderung des lebensverändernden Umschwungs kommt, werden pädagogische Erwartungen enttäuscht: So wandelte sich Muk vom Bildungsverweigerer zum schulischen Überflieger keineswegs durch einen aufklärerisch-emanzipatorischen Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit oder durch vernunftgeleitete Erkenntnis der eingeschlagenen Kleinkriminellenlaufbahn samt absehbarer Konsequenzen. Vielmehr handelt es sich bei seiner Metanoia um ein transzendental-religiöses Erweckungserlebnis, das an fundamentalistische Konzepte eschatologischer Schemata erinnert: Nachdem man durch Suchtkarrieren und/oder Straßenkriminalität auf die schiefe Bahn geraten ist, sind offenkundig gerade religiöse Vorstellungen spiritueller Selbstreinigung durch Umkehr und herausragende Tugendhaftigkeit ganz besonders ansprechend und attraktiv. So erscheint es als bloßer Zufall, dass der Autor in dieser krisenhaften Umbruchsphase sensibler Beeinflussbarkeit und demütig-reumütiger Orientierungssuche – letztlich ja immer eine Suche nach Autoritäten – an einen verantwortungsvollen und nicht etwa einen salafistischen Imam geraten ist.

Wenn dieses Buch nun also schon keine hilfreichen Tipps und Tricks für Lehrpersonen enthält, was lässt sich aus ihm lernen?
Nun, einige politisch wertvolle Lehren lassen sich hinsichtlich der Frage ziehen, wie dem gesellschaftlichen Problem einer um sich greifenden Bildungsmisere in „bildungsfernen“ Milieus, die auch mit einer leider noch viel zu oft wenig gelingenden Integration Zugewanderter und ihrer Nachkommen verbunden ist, beizukommen wäre:
Dieses Buch zeigt ganz klar, dass die Lösung für die Probleme unseres Bildungssystems nicht in noch einer weiteren „Bildungsreform“, in der Neu- oder Abschaffung von Schularten oder in der Digitalisierung liegen kann, sondern dass eine Verbesserung bei der Betreuungsrelation, also beim Personalschlüssel, entscheidend ist – die ja immer zahlreicher werdenden Schüler wie Muk einer war benötigen permanente Einzelbetreuung, die weder Eltern noch Lehrkräfte allein leisten können, weshalb ein viel engmaschigeres Netz aus Schulsozialpädago(inn)en/-psycholog(inn)en/-coaches/-begleiter(innen) notwendig wäre; das ehrenamtliche Engagement Einzelner, wie dies Muk selbst an den Tag legt, wird, so lobenswert es auch ist, nicht reichen – höchstens wird es den gesellschaftlichen Leidensdruck so weit abmildern, dass er sich nicht in ausreichenden Handlungsdruck auf die Politik umsetzt und so kontraintentional systemstabilisierend wirken. Dieses Buch zeigt nicht minder klar, dass gegen die grassierende Straßen- und Gewaltkriminalität nicht immer noch strengere Gesetze, erweiterte Polizeibefugnisse und Überwachung helfen, sondern dass die personell ausgedünnte Polizei dringend mehr Streifenbeamte braucht, um adäquat Präsenz auf den Straßen und Plätzen zeigen zu können und die kaputtgesparte Justiz mehr Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte, um Delikte schnell und wirkungsvoll verfolgen zu können. Vor allem aber lehrt das Buch, dass Herumkurieren an Symptomen im Bildungs- und Justizsektor niemals zu umfassenden und durchgreifenden Verbesserungen führen wird, so lange die Wurzel des Problems auch weiterhin nicht entschlossen genug angepackt wird: immer weiter zunehmende implizite sozioökonomische Segregation durch zunehmend borniert-selbstreferentielle Abschottung von Eliten, Schwächung einer neoliberal unter Druck gesetzten Mittelschicht, sozialdarwinistisches Abdrängen ärmerer und zugewanderter Menschen in ein umfassend benachteiligtes Dasein – resultierend in einer immer geringer werdenden sozialen Mobilität und Durchmischung, die längst jegliche Ansprüche an Chancen- wie Leistungsgerechtigkeit und auch jede Vorstellung von unserer Gesellschaft als einer offenen ad absurdum führt; zunehmende sozioökonomische Spaltung unserer Gesellschaft also, die Entsolidarisierung und soziale Kälte hervorbringt, gesellschaftlichen Zusammenhalt erodieren lässt und sozialen Frieden gefährdet.
Auf all dies wird im Buch aber allenfalls angespielt. Nun wäre es sicherlich unfair, einem Autor in diesem Alter und mit diesem Werdegang vorzuwerfen, dass er seine „Selfmade-Man-Erfolgsstory“ abfeiert, sogar, wenn dies (wie im vorliegenden Fall) so weit geht, dass man das gesamte Buch auch als überlanges Bewerbungsschreiben für eine angestrebte Karriere als Berater oder Coach lesen kann; Muk ist stolz auf das Erreichte, und das darf er auch sein – sein Beispiel taugt indessen eher als Warnung denn als uneingeschränktes Vorbild. Vor allem aber: Wenn er all das, was er schreibt, wirklich ernst meint, dürfte er eigentlich nicht BWL studieren, sondern müsste selbst Lehrer oder Schulsozialarbeiter werden. Zu kritisieren ist zudem, dass er in seinem Schreiben über das rein Individuell-Autobiographische nicht hinausgelangt, eine Weitung des Verständnishorizonts auf das große Ganze mithin ebenso unterbleibt wie Überlegungen zu Lösungsmöglichkeiten für am individuellen Einzelbeispiel nur implizit ablesbare gesamtgesellschaftliche und schulisch-pädagogische Problematiken – wo doch im Paratext ein analytischer Blick auf die „Bildungsmisere aus der Sicht eines Schülers mit Migrationshintergrund“ versprochen wird und es im Klappentext heißt: „…was an Deutschlands Problemschulen wirklich los ist, und welche Rolle Lehrer und Gesellschaft dabei spielen“. Da wird vieles versprochen, was der Text inhaltlich allenfalls oberflächlich erfüllt. Beworben wird das Buch auch mit dem Slogan: „Machst du Abi, bist du der Babo!“. Das (also in etwa: „King im Ring“) ist Muk nun ganz bestimmt, kann man aber ebensogut auch ohne Abi sein. Carl Friedrich v. Weizsäcker stellte fest, zur Wahrnehmung der eigenen Interessen genüge Verstand, Vernunft hingegen setze voraus, das gesamtgesellschaftliche Interesse wahrzunehmen. Letzteres wäre einem Buch, in dem es ja gerade um Bildung geht, ganz besonders zu wünschen. So bleibt am Ende aus der Sicht eines Lehrers die Frage: „Mehr nicht, Babo?“

Florian Baum

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